Gesundheit und Bildung

 

Schmerz, eine unsichtbare Epidemie

Javier Diez Canseco*, La Republica, Montag,22.April 2013

 

Schmerzen sind Teil unseres Lebens und unter uns. Gemäß der Welt-Gesundheitsorganisation WHO, sind 20% der Bevölkerung hiervon betroffen, in größerem Ausmaß in der zivilisierten Welt, wo die Lebenserwartung höher ist. Wir befinden uns vor einer wahren Flut der Notwendigkeit der Zuwendung zu Kranken im Zustand fortgeschrittener, chronischer, sich ausweitender oder im Endstadium befindlicher Leiden. In Übereinstimmung mit einigen Fachleuten sprechen wir von einer unsichtbaren Epidemie, die nur diejenigen wahrnehmen, die unter ihr leiden, denn weder sieht man sie, noch ist sie messbar, und diese beiden Faktoren sind ihre großen Verbündeten.

Schmerz hat schwere Folgen, er kann töten und lässt Behinderung und Verlust von Lebensqualität in exponentiellem Ausmaß ansteigen. Dennoch hatten nach einer Untersuchung der Welt-Gesundheitsorganisation im Jahre 2008 etwa 80% der Weltbevölkerung nur unzureichenden oder gar keinen Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten mäßiger bis schwerer Schmerzen. Im Jahr 2020 wird es nach Angaben der WHO auf  der Welt 15 Millionen Menschen mit Krebserkrankungen geben, von Millionen, besonders in den armen Ländern oder Schwellenländern, wegen fehlenden Zugangs zu Medikamenten der Schmerzbehandlung an chronischen Schmerzen leiden werden.

Die Folgen von Schmerzen und die Zahl der Menschen die man hiervon betroffen sieht, haben die WHO und die Panamerikanische Organisation für Gesundheit dazu veranlasst, anzuerkennen, dass Schmerzen auf Grund von Krebs und anderen Erkrankungen, eine sehr wichtige Angelegenheit in den Gesundheitssystemen aller Länder sein  muss. Die genannten Organisationen haben empfohlen, dass die Regierungen der Staaten in ihrer Gesundheitspolitik die Linderung von Schmerzen bei Krebserkrankungen zu einer Priorität im öffentlichen Gesundheitswesen machen und die Verfügbarkeit von wirksamen Medikamenten zur Schmerzbekämpfung gewährleisten müssen und die Hemmnisse die das verhindern und die rechtlichen Regelungen, die den Schaden für den Patienten  vergrößern, beseitigen.

Dessen ungeachtet bleibt Schmerz, ohne Anerkennung seiner Bedeutung ein wichtiges Problem vieler nationaler Gesundheitssysteme, darunter das unseres Landes Perú.

In Perú erhält eine wesentliche Anzahl von Menschen mit Krebserkrankungen im Endstadium weder eine Behandlung gegen Schmerzen noch eine palliative Pflege. Außer dem Dienst für Palliativmedizin und Schmerzbehandlung des Nationalen Instituts für Tumorerkrankungen INEN (Instituto Nacional de Enfermedades Neoplásicas) gibt es in unserem Land keine spezialisierte, öffentliche Institution, die sich um Patienten im Endstadium kümmert, noch existiert ein Programm zur Betreuung für diese Patienten und ihre Familien. Auch gibt es keine Normen mit  Gesetzesrang, die auf nationaler Ebene die  spezialisierte technische Unterstützung in der Schmerzbehandlung regelt. Die Verfügbarkeit von schmerzstillenden Medikamenten die vermeidbares Leiden sichern, ist unzureichend.

Die Auswirkung einer Erkrankung im Endstadium bleibt nicht auf den Patienten beschränkt. Ein davon betroffener Patient verursacht für die Familie emotionalen Stress, Einkommensverlust, Unfähigkeit zu arbeiten und wirtschaftliche Instabilität. Der peruanische Staat darf hier nicht abseits stehen. Die politische Verfassung von Perú und verschiedene  internationale Abkommen, denen Perú beigetreten ist, legen die staatliche Verpflichtung fest, die Würde des Menschen und sein Recht auf Gesundheit zu achten, zu schützen und zu garantieren.

Die notwendigen Mittel zur Schmerzlinderung gibt es. Das Leiden, das durch Krebs und andere Erkrankungen im Endstadium verursachte und nicht behandelte Schmerzen hervorruft besteht deshalb, weil die Mehrzahl der Patienten keinen Zugang zur Grundmedikation für die Schmerzlinderung hat, wegen fehlender Verteilung von Medikamenten, erhöhter Kosten hierfür (es gibt hierfür keine oder nur sehr niedrige Subventionen) und gesetzlicher Beschränkungen, die den Zugang zu schmerzstillenden Medikamenten verhindern oder die Zahl der Patienten mit dem Anrecht darauf oder die Anwendungsdauer begrenzen.

Diese Situation muss verändert werden. Es ist unmenschlich und unwürdig, dass angesichts des Leidens das Krebs verursacht, Tausende von Peruanern ihrem Schicksal überlassen werden.

Der peruanische Staat muss eine öffentliche Politik einführen, die Menschen die an einer chronischen oder hochkomplexen Erkrankung leiden, die den schweren Verlust von Lebensqualität verursacht, das Recht auf geeignete palliative Betreuung garantiert, die Schmerzkontrolle und die anderer Symptome beinhaltet, als auch die Berücksichtigung psychosozialer und spiritueller Aspekte des Patienten und seiner Familie, was zur Verminderung des Leidens unverzichtbar ist.

Schmerzlosigkeit muss als das Recht eines jeden an Krebs oder einer anderen hochkomplexen Erkrankung leidenden Patienten betrachtet werden, und der Zugang zur Schmerzbehandlung ist eine Bekundung des Respektes vor diesem Recht.

*Javier Diez Canseco erlag wenige Tage nach Veröffentlichung dieser Kolumne am 04. Mai 2013 einem Krebsleiden

 

Übersetzung: Herbert  Löhr,   08.05.2013

                       Partnerschaftsverein Villa El Salvador-Tübingen e.V.

                       und  Peru- AK im Aktionszentrum Arme Welt e.V., Tübingen

 

Partnerschaftsverein Villa El Salvador-Tübingen e.V.
 
Kindern Hoffnung schenken
 
Ruth Vanessa ist ein fröhliches Kind, das gern lacht und tanzt. Sieben Jahre ist sie alt und geht gerne in die Schule. Das war nicht immer so. Denn Ruth Vanessa gehört zu jenen Kindern, die plötzlich Leukämie bekamen. In dem Andendorf  Perus, aus dem sie stammt, war dieses Krankheitsbild gleichzusetzen mit dem sicheren vorzeitigen Tod. Eine Behandlungsmöglichkeit gab es für diese Kinder dort nicht. Zumindest bis vor kurzem. Denn zu den Besuchern, die nach Cuzco kamen, gehörte vor längerer Zeit Prof. Dr. Karl Welte, ein weltweit anerkannter Spezialist für Leukämie von Kindern an der Medizinischen Hochschule Hannover.
„Warum sollen arme Campesino-Kinder der Anden-Region Cuzcos nicht dasselbe Recht auf Behandlung haben wie die Kinder in Deutschland? Dafür, wo ein Kind geboren wird, kann es nichts“. Diese Frage trieb ihn um und er organisierte den Aufbau einer Leukämiestation im Lorena-Krankenhaus in Cuzco.
Das Krankenhaus Antonio Lorena ist bekannt als Krankenhaus der Armen. Dorthin kommen hauptsächlich Bauern und Bäuerinnen der Region Cuzco, viele von entfernten Orten.
Diese Frage nach der Gerechtigkeit verband  Karl Welte  mit Walter Schwenninger, Mitbegründer und erster Vorsitzender  des Partnerschaftsvereins Villa El Salvador-Tübingen e.V. Es war die Motivation, die Station zur Behandlung von Kindern, die an Leukämie erkrankt sind, im Lorena-Krankenhaus zu unterstützen. Hierbei kann auch die Bewusstseinsbildungsarbeit des Partnerschaftsvereins über die Situation in Peru helfen. Das Projekt ist von vielen Freunden und Mitstreitern von Walter Schwenninger, der selbst an Leukämie erkrankt war und der sich unentwegt für Gerechtigkeit eingesetzt hat, unterstützt worden. Hier geht es um die Chancengleichheit  von armen Campesino-Kindern,  deren Menschenrecht auf Gesundheit nicht erfüllt wird.
Ruth Vanessa hat inzwischen das Krankenhaus verlassen. Sie ist in ihr Dorf, sechs Stunden von Cuzco entfernt, zurückgekehrt. Ein Erfolgsbeispiel, das vielen Eltern in der Anden-Region Hoffnung schenkt.
 
Für das Projekt kann weiterhin gespendet werden auf das Spendenkonto von MISEREOR Nr. 101010 bei der Pax-Bank Aachen (BLZ 37060193) mit dem Vermerk: Leukämiestation Cuzco
 
 
Tübingen, 24. September 2011