Menschenrechte

Von 1980 bis 2000 waren in Peru aufgrund politischer Gewalt mehr als siebzig Tausend Todesopfer zu beklagen. Bei zwei Dritteln der Opfer handelte es sich um arme, quechuasprechende Andenbewohner.

Die Angehörigen der Opfer warten noch immer auf Gerechtigkeit, Entschädigung und Wiedergutmachung. Diese Vergangenheit ist noch nicht vollständig aufgearbeitet und belastet weiterhin die peruanische Gesellschaft.

Die Berichte über die Opfer begangener Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht in Vergessenheit geraten und über den Prozess zur Bewältigung dieser Vergangenheit muss berichtet werden.



Zeit des Leidens und der Gewalt


Sendero Luminoso beginnt seinen grausamen bewaffneten Kampf gegen den peruanischen Staat im Departement Ayacucho im Mai 1980, als die PeruanerInnen nach 12 Jahren unter einer Militärregierung wieder an die Wahlurnen gehen durften. Ende 1982 wird von Präsident Belaúnde für diese Region der Ausnahmezustand erklärt.
 
Im Jahre 1983 und 1984 nahm die Spirale der Gewalt enorm zu. Bei der Auseinandersetzung der beiden Gewaltformen, der Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ und der unifomierten Staatsorgane, waren in diesem Zeitraum über 19000 Tote, vor allem unter der verarmten Landbevölkerung zu beklagen. So wurde 1985 die Coordinadora Nacional de Derechos Humanos als Dachverband der wichtigsten Menschenrechtsorganisationen Perus gegründet. Die CNDDHH gilt als eine der bedeutendsten nationalen Menschenrechtsvereinigungen Lateinamerikas.

Unter den fragwürdigen demokratischen Regierungen von Alan Garcia und Alberto Fujimori, unter denen die Rechtstaatlichkeit immer mehr abgebaut wurde, war es wichtig, daß die Menschenrechtsorganisationen unbeirrt ihre aufklärende Öffentlichkeitsarbeit unter schwierigsten Bedingungen fortführen konnten.
Nach dem Selbstputsch von Fujimori am 5. April 1992 hat der Geheimdienstchef Montesinos mit den Militärs dafür gesorgt, dass Korruption,  Telefonabhörungen, Erpressungen durch Videos, gezielte Ermordungen, Manipulation der Medien, Diffamierung von Personen, illegale Waffengeschäfte usw. staatliche Politik wurde. Erst die Gegenbewegung durch das peruanische Volk nach dem Wahlbetrug im Jahre 2000 mit ihren vielfältigen spontanen Protestaktionen(Marsch der vier Himmelsrichtungen unter Führung des Hoffnungsträgers Alejandro Toledo) half mit, dass diese Diktatur ein Ende hatte.

Die Coordinadora Nacional und APRODEH hat sich stark engagierte für die Auslieferung des ehemaligen peruanischen Präsidenten Alberto Fujimori (1990-2000) wegen der Menschenrechtsverletzungen wie Folter, das Verschwindenlassen von Personen und Morde, die während seiner Amtszeit  systematisch geplant und ausgeübt worden waren. Der Fall La Cantuta und der Fall Barrios Altos  wurden als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Im November 2007 ist Fujimori von Chile nach Peru ausgeliefert worden. Am Dienstag dem 7. April 2009 wurde der ehemalige Staatspräsident Perus Alberto Fujimori im eigenen Land nach einem Jahr und fünf Monaten Prozessdauer wegen Menschenrechtsverletzungen  zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

 

 

 

Walter Schwenninger, Mitglied der Internationalen Menschenrechtskommission in Peru 1985 und Nani Mosquera-Schwenninger, langjährige Menschenrechtsverantwortliche der Informationsstelle Peru e.V. waren 2008 in Lima als Beobachter beim Prozess gegen Fujimori .

 



 

  Der Anthropologe Jaime Urrutia sagt über die 1983

  in der Kaserne Los Cabitos erlittene Folter aus

 

14.06.2013

Jo-Marie Burt und Maria Rodriguez *

 

Jaime Urrutia, anerkannter Anthropologe und Historiker sagte am Mittwoch, dem 12. Juni im Prozess um den Fall Los Cabitos-1983 aus. Seit Mai 2011 verhandelt der nationale Strafsenat unter dem Vorsitz des Richters Ricardo Brousett über die Verantwortlichkeit von sieben hohen Militärbefehlshabern wegen der Verletzung von Menschenrechten - Folter, außergerichtlichen Hinrichtungen, Verschwindenlassen von Personen, sexuelle Gewalt - die innerhalb der ehemaligen Kaserne Los Cabitos während des Jahres 1983 stattfand. Urrutia erzählte, wie er verhaftet und gefolterte wurde, ein in dem Prozess schon festgestelltes Muster. Außerdem erkannte er einen der belasteten Militärs, den Obersten Pedro Edgar Paz Avendaño, wieder.

 

Es war im Mai 1983. Die Streitkräfte hatten schon einige Monate vorher die Kontrolle über Ayacucho übernommen, vor der zunehmenden Präsenz des "Sendero Luminoso" in dem Gebiet und der offensichtlichen Unfähigkeit der Polizei, die Lage zu kontrollieren. Jaime Urrutia, Anthropologe und Historiker, lebte seit Mitte der 70er Jahre in Huamanga. Er war Professor an der Nationalen Universität San Cristobal von Huamanga (UNSCH), leitete das Institut für regionale Studien José Maria Arguedas und schrieb für die Tageszeitung "Marka".

 

Er erinnert sich in aller Deutlichkeit an den Tag, an dem er festgenommen wurde - dem 6. Mai 1983 - denn an diesem Nachmittag interviewte ihn ein Journalist der BBC London, wenige Stunden der von den Militärs verhängten Ausgangssperre. Es war fast Mitternacht und er hatte sich gemeinsam mit seiner Ehefrau zur Ruhe begeben. Sie hörten seltsame Geräusche und bevor sie reagieren konnten, drangen einige vermummte Männer in ihre Wohnung ein. Sie trugen schwarze Mützen und Pullover im Stile "Jorge Chavez". Einer von ihnen gab die Befehle, die anderen gehorchten. Sie durchsuchten die Sachen der Urrutias, danach packten sie Urrutia, warfen eine Decke über seinen Kopf und beförderten ihn auf einen Pick-up. Er nahm wahr, dass er zur Kaserne Los Cabitos gebracht wurde, denn auf Grund der Jahre die er in Huamanga gelebt hatte, war es ihm ohne Schwierigkeiten möglich, den Weg zu erkennen. Jaime Urrutia wusste von Los Cabitos, denn es war die einzige Haftanstalt in Huamanga.

 

Einmal im Inneren der Kaserne, brachten ihn die Militärs in einen kleinen, dunklen Raum mit Lehmboden und ohne Fenster. Urrutia hatte die Augen verbunden, deshalb konnte er nicht feststellen, was sich in seiner Umgebung befand, wenn man ihn aus dem Raum holte. In zwei verschiedenen Nächten wurde er verhört und gefoltert.Urrutia beschrieb den Ablauf der Folter genauso, wie er schon von anderen Zeugen in diesem Prozess geschildert worden war. Zuerst wurde er mit den Händen auf dem Rücken aufgehängt, geschlagen und dann fast bis zum Ertrinken in einen Wasserzuber getaucht.

 

Während man ihn folterte fragten ihn die Militärs eindringlich, ob er jemanden vom "Sendero Luminoso" kennen würde und wer seine Auftraggeber seien. In der zweiten Nacht verdächtigte ihn ein vermutlicher Kollaborateur, ein "Senderista" zu sein: "Er ist es, er ist es, es ist der Professor, er ist der Chef, der Verantwortliche". Urrutia bracht jedoch seine Missbilligung hiergegen zum Ausdruck. Wegen des Akzentes eines Küstenbewohners, der vagen Anschuldigung glaubt er jetzt, dass sie von einem Militär stammt, einem falschen Ankläger mit der Absicht, ihn zu einem Geständnis zu bringen.

 

Die Wiedererkennung

 

Bei zwei Gelegenheiten wurde Urrutia in einen andern Raum gebracht, wo ihn ein zivilgekleideter Mann erwartete. Von dunkler Hautfarbe, andinen Gesichtszügen und vorstehender Nase gab er sich als Kommandant Paz zu erkennen. Urrutia stellte sich vor, dass es dessen Rolle war, den "guten Polizisten" zu spielen. Zuerst entschuldigte er sich bei Urrutia für das, was geschehen war. er gab zu verstehen, dass der Grund der Festnahme wegen des Verdachts erfolgt sei, dass das Institut Arguedas dem Sendero Luminoso Geld zuweisen würde. Am folgenden Tag gab es ein zweites Gespräch mit dem Kommandanten Paz, wieder auf freundliche Art und das gleiche Thema: Gelder und ihre Verbindung mit dem Sendero.

 

In diesem Augenblick seiner Zeugenaussage fragte Dr. Gloria Cano, Direktorin von APRODEH und die zivile Seite vertretende Rechtsanwältin, Urrutia, ob er sich in der Lage fühle, Kommandant Paz wiederzuerkennen. Das bejahte Urrutia. Nachdem sich das Gericht durch einige Fragen versichert hatte, dass keine Erinnerungsprobleme bestanden, erlaubte es die Gegenüberstellung und ersuchte die Angeklagten, aufzustehen.

 

Von Beginn der Zeugenvernehmung an waren die sechs Angeklagten sichtlich nervös, ganz im Unterschied zu anderen Gelegenheiten, bei denen man sie ruhig und unaufmerksam gegenüber den Aussagen der Zeugen gesehen hat. Die sechs erhoben sich. Fast sofort zeigte Urrutia auf Pedro Edgar Paz Avendaño, ehemaliger Chef der Einheit des Geheimdienstes in Ayacucho und ehemaliger Chef der Casa Rosada.

 

Das Gericht fragte Paz Avendaño, ob er sich an den Zeugen erinnere. Das beantwortete dieser mit Nein. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Angeklagten im Falle von Los Cabitos unter Gedächtnisverlust leiden.

 

Der unwahrscheinliche gemeinsame Freund. der ihm das Leben rettet

 

Die Ehefrau von Jaime Urrutia  musste bis zur Aufhebung der Sperrstunde warten, um am Morgen das Haus verlassen zu können, um ihren Mann zu suchen. So wie viele Familienangehörige die ihre festgenommenen Lieben suchten, ging sie nach Los Cabitos, um nach ihrem Mann zu fragen. Ein Soldat an der Eingangstüre sagte ihr, dass in der Nacht tatsächlich ein Festgenommener mit dem Aussehen ihres Mannes gekommen sei.

 

Sofort erzählte Urrutia die Geschichte, von der er glaubt, dass sie ihm das Leben rettete. Seine Frau suchte den Journalisten der BBC auf, der umgehend eine Mitteilung verbreitete, mit der er die Entführung von Urrutia meldete. Die Nachricht von dessen Festnahmen erschütterte die lokalen Medien. Die Tageszeitung "Marka" , mit der er in Form von Beiträgen über die lokale und nationale Wirklichkeit zusammenarbeitete und eine Gruppe von Akademikern verurteilte seine Verhaftung und forderte seine Freilassung.

 

Am nächsten Tag, als seine Frau nach Los Cabitos zurückkehrte, leugneten die Soldaten jedoch. dass Urrutia sich dort befände. Genauso wie sie das gegenüber Hunderten von Menschen leugneten, die auf der Suche nach Informationen über den Verbleib ihrer Ehemänner und -frauen, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern zu der Kaserne kamen.

 

Aber im Falle von Jaime Urrutia ereignete sich ein ungewöhnlicher Vorgang im Vergleich zu anderen. Angesichts des Drucks durch die Medien erklärte der Chef des politisch-militärischen Kommandos von Ayacucho, der General Clemente Noel, gegenüber der Presse, Urrutia sei wegen vermutlicher Verbindungen zum Sendero Luminoso verhaftet worden. Die Tatsache dass seine  Verhaftung bekannt wurde, begünstigte nach zwei Wochen des Eingesperrtseins, sowohl in Los Cabitos als auch in anderen Einrichtungen der peruanischen Staatspolizei (PIP,Policia de Investigaciones del Perú), seine Freilassung.

 

Laut Urrutia gab es in seinem Fall ein anderes merkwürdiges Element, von dem er glaubt, dass es die wirkliche Erklärung für seine Freilassung ist. Nach der Erzählung "Muerte en el Pentagonito" von Ricardo Uceda, setzte Jesus Sosa Saavedra, ein unter dem Namen "Kerosene" (Kerosin) bekannter und gefürchteter Militär, sich für ihn ein. Dieser half 1985, die sterblichen Überreste von mindestens 300 exekutierten und im umliegenden Gelände von Los Cabitos verscharrten Menschen verschwinden zu lassen und wurde später Mitglied der Gruppe Colina. Offensichtlich hatten Urrutia und Sosa Saavedra einen gemeinsamen Freund, Sosa Urrutia also wusste, dass Urrutia keine Verbindung zum Sendero Luminoso hatte.

 

Die Ärmlichkeit des kontrasubversiven Kampfes

 

Die Zeugenaussage von Jaime Urrutia ist in dem Prozess um Los Cabitos ein Schlüsselelement gewesen. Die Wiedererkennung von einem der Angeklagten ist an sich schon erdrückend. Aber es ist auch wichtig, dass seine Aussagen in vielen Aspekten mit denen von Dutzenden von Familienangehörigen und Opfern übereinstimmt, die in dem Prozess ausgesagt haben.

 

Die ärmliche Situation der Methoden im kontrasubversiven Kampf, besonders zu Beginn des Konfliktes, ist umfänglich dokumentiert. Wegen des Fehlens guter geheimdienstlicher Methoden agierten die Streitkräfte auf der Grundlage von Annahmen und Vermutungen. Sie hielten ganze Personengruppen für verdächtig: Professoren, Studenten, Personen mit irgendwelchen Verbindungen zu Gremien und Parteien der politischen Linken, auch wenn diese gesetzlich konstituiert waren, sowie Bauern, besonders Quechua sprechende Männer wurden als "Masse" oder aktive Mitglieder des Sendero angesehen. Das gab Raum für massive Verhaftungen und die systematische Anwendung von Folter als Methode zur Identifizierung von Führungspersonen und Mitgliedern. Ein Zeuge im Prozess erklärte, dass sie bemerkten, dass die Militärs die Reaktionen der Häftlinge während der Folterungen beobachteten; diejenigen die widerstanden und schwiegen, wurden als Senderistas betrachtet, während diejenigen die leicht zusammenbrachen, für unschuldig gehalten wurden und in einigen Fällen zumindest freigelassen wurden. In diesem Prozess haben mehr als 15 Personen, welche wie Jaime Urrutia selbst die Folterkammern von Los Cabitos durchlaufen haben, vor dem Tribunal ausgesagt.

 

In dem besonderen Fall von Urrutia erklärte dieser dem Gericht, dass statt ihn zu verhaften und zu foltern, die Militärs die Konten des Institutes José Maria Arguedas hätten analysieren können um festzustellen, dass es keine Beziehung zur Subversion mit der man ihn in Verbindung brachte, gab.  Er sagte auch, dass die Militärs mit der Vorstellung operierten, das die Nationale Universität San Cristóbal von Huamanga von Senderistas "verseucht" wäre, obwohl die Wirklichkeit eine andere war. Wenngleich in den 70er Jahren verschiedene Dozenten und Studenten  dem Sendero Luminoso angehörten - Abimael Guzmán war der damalige Direktor des Personalbüros - nach 1979 gingen dessen Mitglieder auf das Land, um den bewaffneten Kampf zu beginnen und verließen die Universität. Außerdem verlor in dieser Zeit der Sendero die Wahlen zu den Gewerkschaften der Dozenten und Angestellten der Universität, als auch die zu den Studentenräten der UNSCH. Danach, als die Militärs bis Ende 1982 in Ayacucho einzogen, "gab es innerhalb der Universität Leute vom Sendero, aber ohne wesentliche Verantwortlichkeit. Es gab weniger Senderistas als man behauptete und sich vorstellte", bekräftigte er.

 

Schließlich erzählte Urrutia von der absoluten Verweigerung von Rechten, die er, wie viele andere, während seiner Haft erlitt. Nie gestand man ihm einen Amtsarzt zu, niemals gab es eine formale Anklage gegen ihn, und nie wurde ein legales Verfahren gegen ihn eröffnet. Während er sich bei der Staatspolizei befand, wusste er, dass zwei Männer (Militärs oder Polizisten) zum Institut Arguedas gingen, um die Konten zu überprüfen. Sie fanden keine verdächtigen Kontenbewegungen. Kurz danach wurde er freigelassen. 

 

Urrutia sagte, dass er nach seiner Freilassung keine Anzeige erstattet habe. Ja, er gab einige Erklärungen über seine Einsperrung an die Presse, aber nie erwähnte er den Namen Paz Avedaño, Als ihn der Anwalt der Militärs nach dem Grund für sein Verhalten fragte, schaute ihn Urrutia fest an und antwortete: "Wenn jemand aus einer solchen Situation herauskommt, ist Mut nicht ausgerechnet ein Merkmal der Befreiten". Um es anders auszudrücken: Der Terror raubt die Worte. Die Furcht gebiert das Schweigen.

 

So erlebte man die Jahre des Konfliktes 1983 in Ayacucho und heutzutage erzählt man davon in einem offenen und öffentlichen Prozess; wenige aber schenken den Erinnerungen derjenigen Aufmerksamkeit, die erdulden mussten unrechtmäßig eingesperrt und brutal gefoltert worden zu sein, während andere Seelen das endgültige Schicksal erlitten, den Tod.

 

 

* Jo-Marie Burt ist Professorin für Politikwissenschaft an der George Mason Universität, wo sie Direktorin des Programms für Lateinamerika-Studien und Ko-Direktorin des Zentrums für globale Studien ist. Sie ist Leiterin des Forschungsprojektes "Human Right Trials in Peru" (www.rightsperu.net) und Autorin des Buches Gewalt und Autoritarismus in Peru: "Im Schatten des Sendero und die Diktatur von Fujimori" (Institut für peruanische Studien, 2011, 2.Auflage)


Maria Rodriguez ist graduierte Historikerin der Großen Nationaluniversität von San Marcos. Sie hat Diplomstudien in Chile, Spanien und Peru in Menschenrechte, Erinnerungspädagogik, Archivwesen absolviert und ist Teilnehmerin des Seminars für Studien über die "Memoria Yuyachkanchik" (Wir erinnern uns). Sie ist Forschungsassistentin im Projekt "Human Right Trials in Peru".

   

                   Übersetzung: Herbert Löhr,17.06.2013

 

 

 

Javier Diez Canseco


                        24. März 1948 - 4. Mai 2013


 


 

Wir trauern um ihn

Ein Kämpfer für die Menschenrechte

Er ist seinen Idealen immer treu geblieben

Ein großer Verlust für Perú

Wir haben einen guten Freund verloren

 

                                                                                             

                                                                                                  

 

                                                                              Nani Mosquera-Schwenninger

 

Adiós, Javier Diez Canseco

 

Die Informationsstelle Peru e.V. verabschiedet sich von Javier Diez Canseco, der am vergangenen Samstag den 04. Mai in Lima an seinem Krebsleiden gestorben ist.

 

Mit ihm ist eine der beliebtesten und unbeugsamsten Persönlichkeiten der peruanischen Linken gegangen. Nach 45 Jahren unermüdlichen Kampfs für eine soziale Gesellschaftsordnung, für die Einhaltung der Menschrechte, für Frauenrechte, für die Rechte von Personen mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung sowie sexuell diskriminierte Minderheiten, musste Javier im Alter von 65 Jahren aufgeben.

 

Er brach früh mit der Oberschicht, der er selbst entstammte und stellte sich entschieden auf die Seite der Armen, Bauern, Land- und Fabrikarbeiter. Aufgrund seines Kampfes gegen die Militärdiktatur Morales Bermúdez wurde er in die Hände der argentinischen Militärs unter Videla verbannt und später nach Frankreich ins Exil verbracht. Nach seiner Rückkehr wurde er Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung von 1978. Später war er Senator und nahezu ohne Unterbrechungen Kongressabgeordneter   der Linken. Er gründete und gehörte mehreren Parteien und Bündnissen der Linken an, darunter Vanguardia Revolucionaria (VR), Unidad Democrático Popular (UDP), Izquierda Unida (IU), Partido Unificado Mariateguista (PUM) und zuletzt die Sozialistische Partei Perus. (PSP)

 

Javier war einer der wenigen populären Politiker, die einen offenen und entschiedenen Kampf gegen die Fujimori-Diktatur wagten und sich vehement für die Menschrechte und Aufklärung von Morden, Massakern und Korruption engagierten, wodurch er ein um das andere Mal seine Gesundheit und sein Leben aufs Spiel setzen musste.

Zuletzt war er mit seiner Sozialistischen Partei ein Bündnis mit der nationalistischen Bewegung von Ollanta Humala, dem jetzigen Präsidenten Perus, eingegangen, von dem er sich schon nach kurzer Zeit enttäuscht wieder trennte. Repressive Maßnahmen, Korruption und die wirtschaftspolitische Kontinuität der neuen Regierung ließen ihm keine Wahl.

 

Zweifellos ist es eine tragische Ironie der Geschichte, dass mit Javier einer der wenigen nicht korrumpierbaren Parlamentarier für 90 Tage vom Parlament wegen einer Vorteilsnahme suspendiert wurde, die er nie begangen hat, ausgerechnet durch einen Kongress, der mehrheitlich aus korrupten Politikern besteht. Noch bis zu seinen letzten Tagen war Javier gezwungen, gegen die Kampagne der rechten Medien und Politiker anzutreten. Kurz vor seinem Tod hat das höchste Gericht Limas die Suspendierung für nichtig erklärt und dem Kongress angeordnet, diese aufzuheben.

 

Viele Mitglieder der Informationsstelle Peru e.V.haben mit Javier als Freunde, Gleichgesinnte oder über politisch-ideologischen Differenzen hinweg zusammengearbeitet, insbesondere in Hinblick auf die Durchsetzung der Menschenrechte und Aufklärung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa kam es zum gemeinsamen Austausch, zu Veranstaltungen und Seminaren, für die er sich immer zu Verfügung stellte. Wir sind bestürzt und traurig über seinen viel zu frühen Tod.

Im Sinne von Javier werden wir weiter konsequent gegen soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen eintreten.

 

Die Informationsstelle Peru e.V.drückt der Familie und seinen engen Freundinnen und Freunden ihr tiefes Mitgefühl aus.

 

Dienstag, den 07. Mai 2013

 

 

Zum Abschied


„Nie warst du so erhoben, wie in dem Augenblick, in dem dich der Hass zerfleischen wollte. Nie warst du besser, als du dich gegen deine mediale Vernichtung zur Wehr setzen musstest. Das war reiner Neid, mein lieber Javier. Dein Leben hat sie an ihre moralische Misere erinnert, deine Sprachgewalt an ihr Schweigen, deine Fähigkeit zur Empörung an ihre Komplizenschaft und Kriecherei.“

(Trotz aller Differenzen) ... „haben wir immer gesagt und werden es weiter tun, dass du ein beispielhafter, schlüssiger und unbeugsamer Mensch warst. Ein wahrer Mensch eben. Ein lebendes Vorbild der Harmonie von Wort und Tat. Ein seltenes Beispiel in einem Land, das von Hochstaplern geplagt ist.“


César Hildebrandt auf El Imaginaria

 

Francisco Soberón über Pilar Coll: „Sie war eine beispielhafte Frau“

 

 

Offensichtlich tief betroffen, beklagte Francisco Soberón, Präsident der Gesellschaft für Menschenrechte (APRODEH), den Tod von Pilar Coll, seiner Weggefährtin in den Achtziger Jahren und unerschütterliche Verteidigerin der Menschenrechte in unserem Land.

 

„Ihre Art sich den Problemen zu stellen, war beispielhaft. Ihr Tod ist beklagenswert, weil sie den Weg zu einer Reihe von Enthüllungen eröffnete, die den Beweis für die Gewalt erbrachte, die das Land in diesen Jahren erlebte. Wir alle als ihre Kollegen sind uns sicher, dass ihr Beispiel nicht nur uns überdauern wird, sondern auch alle anderen Generationen der Menschenrechtsverteidiger. Es ist ein großer Verlust, der uns alle in traurig macht.“ erklärte Soberón in der Internetplattform LaMula.pe

 

Zugleich würdigte er, dass Pilar Coll immer eine unermessliche Liebe zu Peru an den Tag legte und brachte zum Ausdruck, auf ihre spanische Herkunft anspielend, sie stammte aus der spanischen Region Aragón, „das sie mehr Peruanerin war als viele, die sagen dass sie es seien. “


Soberón erinnerte sich mit Wehmut an die Rundreisen, die er mit ihr im Land machte und hob besonders die Gelegenheit hervor, bei der sie in die Haftanstalt Castro Castro eindrangen. In diesem Falle erinnert er sich „ hat man uns um Mitternacht gerufen, um zu versuchen zu verhindern, dass man die Maßnahmen vollziehen konnte, die zum Tode von so vielen Gefängnisinsassen geführt haben. Und so, wie in diesem Fall, sind wir Zeugen vieler schrecklicher Dinge gewesen.“

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Er erinnerte sich auch, dass Pilar bevor sie starb, darum bat, dass die Mittel die für ihre Trauerfeier gedacht waren, auf ein Konto fließen sollten, um sich damit um die Probleme der Insassinnen des Frauengefängnisses kümmern zu können.


Am Schluss erwähnte er, dass morgen um 11 Uhr vormittags eine Messe in Anwesenheit ihres Leichnams stattfindet und dieser anschließend zum Friedhof von Lurin überführt wird.

 

La Mula, 15. September 2012.





Raida Condor
Der Kampf einer peruanischen Mutter um Gerechtigkeit
Raida Cóndor.pdf
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