Villa El Salvador

Leben in der Wüste - Alltag in Villa El Salvador
In den Tübinger Blättern erschien ein Bericht von Mona Hermanns. Die junge Tübingerin hat als Freiwillige ein Jahr lang in Villa El Salvador gelebt hat und berichtet in dem veröffentlichten Text über ihre Erfahrungen, Beobachtungen und Begegnungen mit den dortigen Menschen.
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Die Hoffnung am Rande von Lima VILLA EL SALVADOR

Wir kamen nach Pamplona voller Angst und Hoffnung ein Stück Land zu haben.

Am Anfang waren wir sehr enttäuscht, denn wir saßen mitten in der Wüste.

Wir mußten alles selber machen. Nicht einmal der Staat hat uns geholfen.

Alleine machten wir alles.

 

                                                  Sabino Chalcha

                                                  Bewohner von Villa El Salvador

 

 

 

In Villa El Salvador, der Vorstadt im Süden Limas, die in den letzten 41 Jahren in der Wüste entstanden ist, hat sich die Bevölkerung gegen Hunger, Elend, Arbeitslosigkeit und Terror organisiert. Die Basisorganisationen von Villa El Salvador sind das Beispiel für Zusammenhalt und menschliche Solidarität, von dem auch wir lernen können. Der Alltag in der Familie, die Volksküchen, die Gemeindeschulen, Gesundheitsarbeit, die herausragende Rolle der Frauen, die Verteidigung der Menschenrechte zeigen eindrucksvoll eine Hoffnung auf für viele andere Elendsviertel der Welt.

Villa El Salvador hat wegen seiner Organisation und Selbstverwaltung im Mai 1983 den Status einer eigenständigen Stadt des Distrikts Lima erhalten. Heute ist Villa El Salvador auf eine Einwohnerzahl von ca. 400.000 Menschen angewachsen.

 

 

Vom Leben im Slum

Josef Sayer zur Lage in den Elendsvierteln von Lima

 

Der Partnerschaftsverein Villa El Salvador-Tübingen berichtet:

 

 

Tübingen. Im Rahmen der 15. Peru-Tage hat Prof.  Josef Sayer, der früherer Hauptgeschäftsführer von Misereor, im Gemeindehaus LAMM über die Überlebensstrategien der armen Menschen in den Slums von Lima berichtet. Sayer bezeichnete die  Frauen und Männer dort als die wahren Lebenskünstler.

 

Warum gerade sie? Unter Lebenskünstler stellt man sich gemeinhin doch etwas ganz anderes, besonderes vor. Und tatsächlich sind die Bedingungen in einem Elendsquartier ganz anders, als man sie beispielweise in einer europäischen Großstadt gewohnt ist. „ Wer hier seine Kinder groß zieht“, so Sayer, „der muss ein Lebenskünstler sein“.

 

In einer Schilfmattenhütte auf engstem Raum in der Sandwüste, ohne Wasser, ohne Strom, ohne Gesundheitsversorgung, ohne Müllabfuhr und sanitäre Einrichtungen, ohne Mobilität –  wer in einer so prekären Verhältnissen lebt, muss laut Sayer kreativ sein. Er  braucht die Solidarität der Gemeinschaft und muss solidarisch zur Gemeinschaft beitragen. Fast alle sind ohne feste Arbeit und nur im „ informellen Sektor“ tätig, und viele wissen nicht, ob sie und ihre Kinder am Abend sich hungrig zum Schlafen legen werden.

 

Der Einsatz für die Erfüllung der Grundrechte verbindet diese Menschen. Dafür demonstrieren sie, dafür arbeiten sie gemeinsam.Josef Sayer  weiß wovon er spricht: Er hat als Pfarrer mit den Ärmsten der Armen in den Slums von Lima - 20 km vom Zentrum der Hauptstadt entfernt- gelebt.Zu seiner Gemeinde gehörten 20.000 Menschen, die aus allen Teilen Perus gekommen waren und von dort  ihre Kultur mitgebracht hatten. Vor allem die Werte der wechselseitigen Solidarität und der "faena", der unentgeltlichen Gemeinschaftsarbeit, für den Aufbau  des Gemeinwesens.

 

Die Zuhörer beeindruckte, wie Sayer auch die Schwächen dieser Leute offen darstellte.


Er romantisierte die Armen nicht, wie das zuweilen geschieht, sondern zeigte auf, dass sie im moralischen Sinne weder besser noch schlechter als andere sind. Was sie aber auszeichnet ist ihre beeindruckende Fähigkeit ihr Leben mit ganz Wenigem zu gestalten. So werden sie – ein Spiegel für die Wohlstandsgesellschaft- zu wahren Lebenskünstler. Ein lohnender Vortrag, der die Befreiungstheologie, auch in einer lebhaften Diskussion, konkret werden ließ.

 

 

Schwäbisches Tagblatt, 15. Mai 2013